Muttergebundene Kälberaufzucht
bei Milchvieh

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Ethologische Aspekte

Das Verhalten von Kalb und Kuh ist stark davon abhängig, in welcher Umgebung sich das Tier befindet. Wird ein Kalb unter annäherungsweise natürlichen Bedingungen geboren und aufgezogen, so wird es bestimmte Verhaltensweisen aufweisen (siehe „Verhalten in der Natur“), die es so nicht ausführen wird, wenn es nach aktuell üblicher Methode nach der Geburt von der Mutter getrennt wird und per Eimer oder Tränkeautomat, evtl. in Einzelhaltung, aufwächst (siehe „Verhalten bei Einzelhaltung“). Entsprechend der Aufzuchtmethode ist also das Verhalten der Tiere beeinflusst. Wie sich dies im einzelnen auswirkt wird unter folgenden Punkten dargestellt:
(Liste der Kapitel mit Link dahin)

1.1 Verhalten in der Natur

Untersuchungen zu domestizierten Rindern in freier Wildbahn sind selbstverständlich rar – jedoch kann z.B. am Verhalten von Mutterkuhherden (b22) bzw. den ersten Erfahrungen mit muttergebundener Aufzucht bei Milchvieh ein ziemlich genauer Einblick gewonnen werden in das natürliche Verhalten von Rindern.
ZUR GEBURT sondert sich die Kuh von der Herde ab und bringt ihr Kalb meist an verstecktem Orte zur Welt. Direkt nach der Geburt erfolgt ein intensives Ablecken (ca. 22 min. innerhalb der ersten 3 Std. nach der Geburt) und Anmuhen des Kalbes, um eine spätere gegenseitige Erkennung zu ermöglichen. Schwarzbunte Kühe weisen ein intensiveres Ablecken (bis 40 min) auf als Fleckvieh, Angus oder Allgäuer Braunvieh (b17). Nach ca. 2 Stunden kann das Kalb stehen und beginnt, nach dem Euter zu suchen. Nach ca. 15 min. Suchen bzw. 2,5 Std nach der Geburt hat das Kalb (Fleischrassen) das erste mal gesoffen (b22). Bei Schwarzbunten trinkt das Kalb meist schon eher, weil eine intensivere Saufunterstützung geboten wird (nach 60-120 min. pp. laut Lehr 1996), Fleckvieh dahingegen braucht meist länger (b17).
Sollten sich fremde Kühe nähern, werden diese bedroht und vertrieben. V.a. bei Angus, am wenigsten bei Schwarzbunten, wurde auch eine Aggressivität gegenüber Menschen beobachtet (b17). Nun lässt die Mutter ihr Kalb meist erst einmal allein (oft „versteckt“ im Gras oder Gebüsch) und geht fressen, kommt aber immer wieder (ca. 5x täglich) zum Kalb, um es zu tränken (s.a. b16, b17). Erst nach 2-4 Tagen kommt das Kalb mit der Mutter zur Herde und wird sich bald zu den anderen Kälbern gesellen und mit ihnen einen Grossteil des Tages eine Art „Kindergartenherde“ bilden (s.a. b17). Das Kalb erkennt seine Mutter an ihren Lautäußerungen (ab dem 4. Tag) und am Aussehen (ab dem 8. Tag) (b17, Sambraus 1971, Kolb 1977). Bis zum Alter von 2 Monaten ist meistens die Mutter diejenige, die Kontakt zum Kalb aufnimmt, später andersherum (b22). Dann kommt das Kalb zur Mutter, wenn es hungrig ist – und wenn ein Kalb zu trinken beginnt wollen die anderen auch etwas haben, so dass die Kälber ziemlich gleichzeitig getränkt werden. Meistens steht eine Kuh in der Nähe des „Kindergartens“ und passt auf. Mit 4 Monaten ändert sich das Verhalten des Kalbes deutlich in Richtung „Erwachsenenverhalten“ und nimmt auch zu anderen Kühen Kontakt auf. Jedoch wird es noch bis es ca. 9 Monate alt ist immer wieder an der Mutter trinken wollen. Dann findet meistens keine Milchbildung mehr statt und die Kuh wird ihr Kalb nicht mehr trinken lassen.

1.2 Verhalten bei Einzelhaltung

1.3 Herden-Verhalten

(KiGa, Ruhe)

1.4 Mutter-Kind-Beziehung

(Koten, Aufstehen, Säugen, Kreuznuckeln, „Prägung“..)

Wenn das Kalb nach der Geburt bei der Mutter bleibt so wird eine intensive Beziehung aufgebaut, so dass sich Kalb und Kuh später an Geruch und Lautäußerung eindeutig wieder erkennen können.
Der Kontakt wirkt sich nicht nur aufs Sozialverhalten, sondern auch auf physiologische Vorgänge bei Kalb und Kuh aus:


Säugen:

„Prägung“:

Bei Kälbern kann man nicht von einer „Prägung“ auf die Mutter im eigentlichen Sinn sprechen. Von Gänsen z.B. ist bekannt, dass sie das als ihre Mutter ansehen, was sie als erstes nach ihrer Geburt sehen – hier findet eine echte Prägung statt. Bei Kälbern gibt es dies so nicht, sondern es findet eher ein „aneinander gewöhnen“ statt. Auch kann es passieren, dass noch nach ein paar Tagen eine andere Kuh das Kalb der Mutter „abspenstig“ macht und adoptiert. Jedoch ist deutlich, dass die Kälber ab der ersten Stunde nach der Geburt bis sie ängstlich werden (ca. 3. Tag) besonders prägbar und lernfähig sind (b11, b13). Für die Kuh sind jedoch „nur“ die ersten 6 Stunden nach der Geburt zur Bindung an das Kalb wichtig (b14). Für das Kalb gibt es zwei „sensitive Perioden“: die eine am 3./4. Tag, an dem das Kalb das beste Folgeverhalten zeigt (es folgt auch Menschen zu dem Zeitpunkt besonders leicht), und die andere am 6. – 8. Tag, in der es die für die Sozialisation besonders wichtigen Verhaltensweisen beginnt auszuführen (sich anderen annähern, lecken, spielen…) (b11).
Aus diesen Erkenntnissen heraus erscheint es sinnvoll, dass Mutter und Kalb die ersten Tage abseits von der Herde verbringen können (z.B. in einer Abkalbebox), dass das Kalb aber seine zweite sensitive Phase der Sozialisation in der Kuhherde verbringen kann. Das heißt nach 5 Tagen sollten Kuh und Kalb wieder in die Herde integriert werden.

1.5 Mensch-Tier-Beziehung, Scheu

Da wir von domestizierten Rindern sprechen ist eine gewisse Mensch-Tier-Beziehung nicht auszuschließen. Es hängt jedoch stark von der Persönlichkeit des Landwirten ab, wie wichtig und wie intensiv diese Beziehung ist. Das kann von „fast kein Kontakt“ bei Automatentränke bis „täglich 20 Minuten streicheln während des Tränkens“ variieren – und dementsprechend zutraulich sind die Tiere.
Krohn et al. (2001) (b2) hat festgestellt, dass Kälber noch am 50. Lebenstag weniger scheu sind, wenn sie in den ersten 4 Lebenstagen 3x täglich für je 6 Minuten per Nuckeleimer getränkt und dabei gestreichelt werden und mit ihnen gesprochen wird, als wenn sie diese 4-tägige „Behandlung“ vom 11. bis 14. Tag nach der Geburt bekommen. Das heißt, ein Kontakt zu Beginn des Lebens wirkt nachhaltiger als wenn er erst später stattfindet. (siehe auch „Prägung“)
Ein kontinuierlicher, langfristiger Kontakt, auch wenn er nur selten ist, scheint jedoch am besten die Mensch-Tier-Beziehung zu unterstützen. Das zeigt die Untersuchung von Bouissou und Boissy (b20). Die Tiere wurden entweder von Geburt bis zum Alter von 3 Monaten jede Woche für 3 Tage gebürstet (2x3min täglich) und am Halfter 40m weit geführt oder erhielten diese Behandlung bis sie 9 Monate alt waren, jedoch nur jeden Monat an 3 aufeinander folgenden Tagen, nicht wöchentlich. Es zeigte sich, dass die über 9 Monate behandelten Tiere im Alter von 15 Monaten „gefährliche Gegenstände“ schneller passieren (mehr Vertrauen in die Umwelt haben), eine deutlich geringere Fluchtdistanz zum Menschen aufweisen, sich sehr viel leichter einfangen lassen oder am Halfter irgendwo anbinden lassen als die anderen und eine deutlich geringere Herzschlagrate haben (weniger Streß in Stresssituationen), sich also schneller und besser in unbekannten Situationen zurechtfinden als die nur in den ersten 3 Monaten wöchentlich gehandhabten Tiere. Das zeigt, dass selbst ein seltener Kontakt, wenn er über lange Zeit aufrechterhalten bleibt, zutraulichere Tiere hervorbringt als ein intensiver Kontakt am Anfang des Lebens.
Um Kälber an den Menschen zu gewöhnen scheint es am effektivsten zu sein, sich den Kälbern während des Fütterns zuzuwenden, sie zu streicheln…(b12), insbesondere in den ersten Lebenswochen, aber auch später immer wieder. So verbinden sie die Annäherung des Menschen mit dem Gefüttert werden, was zur Befriedigung eines Bedürfnisses führt und insofern als „positives Ereignis“ gerne wieder aufgesucht wird. Auf diese Weise „erzogene“ Kälber, die regelmäßig diese Erfahrung machen konnten, kommen später als Jungtiere und Kühe sogar von selber zum Menschen bzw. folgen ihm, wenn er sie ruft.

Ob ein Streicheln und Bürsten für die Kälber nun wirklich das angenehmste ist, was ihnen durch Menschenhand zuteil werden kann, sollte nicht ohne weiteres angenommen werden. Denn in einem Versuch von Boivin et al. (1998) (b3) wurde festgestellt, dass ein Streicheln und Bürsten für die 1,5 Monate alten Kälber (frei in ihrer Box) offensichtlich nicht so erstrebenswert ist, wie vom Menschen vielleicht vermutet. Jedoch gewöhnen sich die Kälber an solche Dinge und lassen sie ohne Widerwillen geschehen, suchen sie aber nicht gezielt auf oder nähern sich deswegen der streichelnden (vertrauten) Person.
Beachten sollte man dabei, dass die Kälber offensichtlich einen größeren Widerwillen gegen menschlichen Kontakt entwickeln, wenn sie gleichzeitig im Fressgitter o.ä. fixiert sind als wenn sie sich frei bewegen können (b15).

Daß (selbst bei wenig Menschenkontakt) die Art des Kontaktes für das Kalb eine große Rolle spielt hat Lensink et al (2000) (b6) gezeigt, indem er Kälber beobachtete, die vorher hauptsächlich „negativem“ bzw. „positivem“ Verhalten des Landwirten ausgesetzt waren. Es zeigte sich, dass die Kälber (auf dem Weg zum Schlachthof) beim Verladen leichter zu handhaben waren und den Transport mit weniger Streß (Cortisol- und Herzfrequenz-Messung) überstanden, wenn sie vorher positive Behandlung gewohnt waren. Auch war die Fleischqualität dieser Kälber besser als die von den „negatives Verhalten“ gewohnten Kälber.

Der Einfluß, den der Landwirt / Tierpfleger auf das Tier hat, wird oft unterschätzt. Bouissou und Boissy (b20) verweisen z.B. auf Untersuchungen an Ratten, die nach regelmäßigem Menschenkontakt in ihrer Kindheit als Erwachsene weniger ängstlich waren, oder dass Küken ein besseres Wachstum und Futterverwertung sowie bessere Gesundheit aufwiesen als Effekte menschlichen Kontaktes.