Muttergebundene Kälberaufzucht
bei Milchvieh

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H. Küchle

(Tel: 08331-74358)

Die 26 Braunviehmilchkühe auf dem Bioland-Betrieb werden bei einer Fläche von 22 ha von 2,5 AK betreut. Wegen des Offenfront-Boxenlaufstalls und des Weidegangs während des überwiegenden Teils des Jahres gibt es keinen Laufhof. Es ist weder eine Abkalbebox noch ein separater Kälberschlupf vorhanden. [Die Kälber bleiben 8-16 Wochen bei der Mutter]. Es gibt ein Milchkontingent von 142 000 kg bei einem Herdendurchschnitt von 5000 kg pro Jahr und Kuh, wobei die Zellzahlen etwa bei 220 000/ml Milch liegen. Im Sommer weiden die Tiere, im Winter wird Silo gefüttert. Das ganze Jahr über wird zusätzlich Heu angeboten und vor allem im Winter geringe Mengen Getreideschrot.

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Motivation und Wirtschaftlichkeit

Es wurde von einer Arbeitserleichterung durch Wegfallen des Mistens, Tränkens und Milch- Aufwärmens gesprochen, außerdem möchte man hier dem Kalb gerecht werden, indem man ihm die Möglichkeit gibt, seinen Saugreflex auszuleben. Auf diesem Betrieb wurden die Tiergesundheit und das allgemeine Wohlbefinden der Kälber als Motivationsgrund noch vor der Arbeitswirtschaftlichkeit genannt. Der Landwirt ging davon aus, dass der Mehrverbrauch an Milch durch die Kälber sich durch bessere Zunahmen und Gesundheit der Kälber, die Arbeitsersparnis und eine Mehrproduktion an Milch wieder ausgleiche, war sich aber nicht sicher in dieser Aussage. Der Betriebsleiter fügte hinzu, dass ihm das möglichst naturnahe Aufwachsen der Tiere wichtiger sei als die seiner Meinung nach vernachlässigbaren finanziellen Verluste, die durch das System entstehen.

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Auswahl der Mutterkühe

Auf diesem Betrieb erklärte man, dass die Erstkalbenden ihre Kälber grundsätzlich behalten. Jedoch kam es schon einmal vor, dass ein Kalb vorzeitig von der Mutter getrennt wurde, da diese beim maschinellen Melken auch noch nach mehreren Melkzeiten einen gehemmten Milchfluss aufwies. Weiterhin berichtete der Landwirt, dass Kälber, die von Anfang an Schwierigkeiten mit der Milchaufnahme zeigen, an den Nuckeleimer gewöhnt werden und schon ab der zweiten Woche nur noch halbtags mit ihrer Mutter zusammen sind. Besonders bei Bullenkälbern erwies sich dieses System als vorteilhaft, da sie zum Zeitpunkt des Verkaufs schon an den Nuckeleimer gewöhnt sind. Es halten sich höchstens bis zu sechs Kälber gleichzeitig im Kuhstall auf. Wäre die Herde größer, könnten es aber auch mehr sein. Diese Anzahl an Kälbern sei zwar etwas unübersichtlich, jedoch nicht von Nachteil, da sie nur von kurzer Dauer ist, weil die Mastkälber schon nach wenigen Wochen verkauft werden.

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Geburt und Prägungsphase

Die Kühe kalben hauptsächlich auf der Weide oder im Boxenlaufstall ab. Der Landwirt hält eine Abkalbebox nicht für nötig, da die Geburt auf der Weide sauber abläuft und ausreichend Platz bietet, bzw. die Boxenabtrennungen im Stall so konzipiert sind, dass sich die Kuh auch längs hineinlegen kann. Durch das Fehlen einer Abkalbebox wurden bisher keine negativen Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Bindung wahrgenommen. Dazu ergänzte der Landwirt, dass seines Ermessens nach etwa 95 % der Kälber bei der eigenen Mutter saufen. Die Kuh verspürt einen starken Herdendrang und zieht es deshalb meist vor, mit der Herde auf die Weide zu gehen, auch wenn das Kalb noch jung ist und im Stall zurückbleibt. Die Biestmilchaufnahme wird zwar nicht immer kontrolliert, wenn aber beobachtet wird, dass das Kalb hungrig ist, wird die Biestmilch abgemolken und dem Kalb mit dem Nuckeleimer gefüttert. Ansonsten wird die Kuh nach der Geburt erst zur zweiten Melkzeit gemolken.

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Milchleistungsprüfung und Milchverbrauch

Der Landwirt erzählte, seit zwei Jahren keine MLP mehr durchzuführen, da er kein Zuchtvieh verkaufe und ihm die Werte der Molkerei, an die er liefert, und gelegentliche Schalmtests ausreichten. In den Jahren zuvor wurde je nach Alter und Entwicklung des Kalbes und auch mit Orientierung an der Milchleistung des Vorjahres die durch das Kalb verbrauchte Milch geschätzt und dieser Wert bei der gemessenen Milchleistung ergänzt. Auf die Frage nach dem Verbrauch der Kälber erwiderte der Landwirt, keine genauen Angaben machen zu können, aber davon auszugehen, dass schnellere Zunahmen und gesteigerte Milchleistung ein Ausgleich zum hohen Milchverbrauch sind.

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Gesundheit und Verhalten des Muttertieres

Der Landwirt berichtete, dass er grundsätzlich Krankheiten homöopathisch behandelt, dass er aber in den letzten acht Jahren vier Kühe mit Antibiotika behandeln ließ, in der Erwartung, dass vielleicht diese Behandlung bessere Erfolge bringen würde – was aber nicht sehr deutlich sichtbar wurde. In drei Fällen handelte es sich um eine Sepsis, die laut dem Landwirt von einer Gebärmutterentzündung ausging und sich im Euter absetzte. Sie traten jeweils nach dem Abkalben auf. Im vierten Fall wurde eine schwere Mastitis behandelt. Die Kälber wurden in der Zeit mit dem Nuckeleimer getränkt.

Weiterhin erzählte er von einer mittelschweren Mastitis, die nicht behandelt werden musste und die auf das Saugverhalten des Kalbes keine Auswirkungen zeigte. Der Landwirt vermutet aber, dass sich die Eutergesundheit durch häufiges Saugen verbessert. Leichte Euterentzündungen seien grundsätzlich gut in den Griff zu bekommen. Obwohl die Kälber die Viertel unterschiedlich stark besaugen, werden sie beim Melken alle angehängt, da leichtes Blindmelken nicht schädlich sei. Die Zitzen werden grundsätzlich nicht gedippt. 90 % der Erstkalbinnen halten die Milch zurück, geben sie aber zur nächsten Melkzeit. Das kann sich auch mehrfach wiederholen. In einigen Fällen von Milchblockaden setzt der Landwirt Homöopathika ein, genauere Angaben dazu konnte er nicht machen, da er diese sehr individuell verabreiche. In seltenen schweren Fällen wird das Kalb vorzeitig von der Mutter getrennt.

Bezüglich des Sozialverhaltens erzählte der Landwirt von einer Kuh mit stark ausgeprägtem Mutterinstinkt, die eine andere Mutter von ihrem Kalb verdrängte um es zu „adoptieren“. Andererseits kam es vor, dass eine Kalbin kein Interesse für ihr Kalb zeigte. Er berichtete von einer Kuh, die auf der Wiese kalbte, die gegenüber interessierten Kindern erste Anzeichen der Abwehr zeigte. Schlimmeres konnte er aber durch seine Anwesenheit verhindern, da die Kühe vor ihm Respekt haben. Auch wenn sich der hofeigene Hund auf der Weide aufhält, ist Nervosität zu beobachten. Diese Unruhe zeigt sich meistens in den ersten Tagen nach der Geburt. Wegen dieser Beschützerinstinkte schlägt der Landwirt vor, im Umgang mit den Kühen grundsätzlich achtsam zu sein.

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Entwicklung, Gesundheit und Verhalten des Kalbes

Auch dieser Betrieb wies auf ein schnelleres Wachstum der Jungtiere durch die MgA hin. Da sie hier nicht abrupt, sondern nach und nach abgesetzt werden, ist ein Entwicklungsrückfall nur kaum, wenn überhaupt erst nach dem vollständigen Absetzen von der Milch, zu erkennen. An eine frühere Besamung denkt der Landwirt nicht. Durchfallerkrankungen sind mit dem System grundsätzlich weniger geworden, kommen jedoch vor. Diese Erkrankungen sind meist schwach und treten etwa am zehnten oder elften Lebenstag ein. Es ist aber nicht notwendig diese zu behandeln; sie dauern einen Tag, in Ausnahmefällen bis zu mehreren Wochen. Der Landwirt verwies auf ein starkes Immunsystem der Kälber, was er sich unter anderem mit dem guten Stallklima des Offenfrontstalles erklärt.

Der Landwirt erzählte, dass die Kälber bei Menschen kontaktscheu seien, ihm die Tatsache aber keine Umstände bereite und die Mehrzahl der Tiere später durch das Melken zutraulicher würde. Er konnte feststellen, dass die Jungtiere, die er mit dem Eimer zufüttert, zu gegenseitigem Besaugen neigen, solche, die nur bei ihrer Mutter trinken, hingegen nicht. Auch wenn sie zu Milchkühen heranwachsen, kann kein Besaugen anderer Kühe beobachtet werden. Der Landwirt gab an, dass er durch das erlernte Sozialverhalten der Kälber in der Herde keine Vorteile für die spätere Integration als Kalbin ausmachen könne, da sie nach dem Absetzen aus der Herde entfernt werde. Um der jungen Mutter die Integration dennoch zu erleichtern, käme sie mindestens fünf Monate vor der Geburt in den Milchviehstall.

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Gefahrenquellen

Es ist ein totes Kalb aufgefunden worden, welches von der Mutter erdrückt worden sein könnte. Der Betriebsleiter gab an, dass manche Kühe zwar fremde Kälber stoßen, wenn sie sich deren Euter nähern, dies aber trotz der Hörner kein Problem sei, da durch die Größe des Stalles genügend Ausweichmöglichkeiten bestünden. Weil die Tiere den Großteil des Jahres mit viel Auslauf auf der Wiese verbringen, käme es zu wenigen Stresssituationen innerhalb der Herde. Die Wiese ist einfach umzäunt, nur selten hat der Landwirt beobachtet, dass die Kälber darunter durchschlüpfen. Da keine stark befahrene Straße in unmittelbarer Nähe ist, kam es in solchen Fällen bisher nicht zu Problemen. Der automatische Schieber wird grundsätzlich von Hand bedient, trotzdem kam es schon vor, dass Kälber in den Abwurfschacht fielen, weil sie auf der feuchten Schiebefläche rutschten. Sie kamen darin zum Stehen und konnten deshalb jedes Mal gerettet werden. Der Landwirt ergänzte, dass er keine baulichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen habe, um die MgA einzuführen.

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Kälberschlupf

Der Landwirt sah keine Notwendigkeit zum Bau eines Kälberschlupfes. Dies begründete der Betriebsleiter damit, dass einige Kälber sich ohnehin tagsüber in einem abgetrennten Bereich aufhalten, da sie stufenweise abgesetzt werden. Außerdem stünden durch die Größe des Stalles genügend Ausweichmöglichkeiten zur Verfügung.

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Fütterung des Kalbes und Säugeperiode

Ebenfalls berichtete der Betrieb, dass die Kälber mit den Müttern schon nach wenigen Tagen am Fressgitter stehen und Heu aufnehmen. Er geht davon aus, dass die Mütter als Vorbild agieren. Gelegentlich legt der Betriebsleiter ihnen aber zusätzlich Heu in den Kopfbereich der Liegeboxen, wo sie sich besonders gern aufhalten. Auch nach dem Absetzen bekommen sie je nach Jahreszeit Heu oder Gras, Kraftfutter jedoch nicht. Die Tränke ist für die Kälber erreichbar, er konnte jedoch nicht beobachten, dass sie diese schon vor der vierten Lebenswoche nutzen.

Da die meisten Kälber nach dem Entfernen von der Mutter die folgenden zwei Tage brüllen und der Hof am Rande einer Ortschaft liegt, werden die Kälber stufenweise abgesetzt. Zur Entwöhnung werden die Kälber etwa ab der achten Woche, teilweise aber auch schon früher, nachts im Milchviehstall belassen und tagsüber in einem abgesonderten Bereich, angrenzend an den Laufstall, gehalten, wo sie einmal täglich, meist abends, bevor sie zur Mutter kommen, mit dem Nuckeleimer zugefüttert werden. Damit es keine Probleme mit der Gewöhnung an den Nuckeleimer gibt wird die erste Biestmilchgabe mit dem Nuckeleimer gefüttert und ab dann immer mal wieder (z.B. um Milchreste von Kühen zu verwerten, die nicht mit in die Leitung gemolken werden weil sie erhöhte Zellzahl haben z.B.), damit die Kälber nicht vergessen, wie man aus dem Eimer trinkt. Ungefähr zwischen der zwölften und sechzehnten Woche werden die Kälber nicht mehr zur Mutter gelassen, aber weiterhin mit dem Nuckeleimer getränkt. Dabei wird die Milchmenge reduziert und zum Teil mit warmem Wasser ergänzt. Vom angrenzenden Kälberbereich aus können die Jungtiere Kontakt zu ihren Müttern aufnehmen. Allerdings haben sie wegen des häufigen Weidegangs der Kühe außerhalb des Winters nur selten Gelegenheit dazu. Teilweise werden die Kälber aber auch in einem fest eingezäunten Weidestück außerhalb des Milchviehstalls gehalten. Der Landwirt konnte aber nicht mit Bestimmtheit sagen, dass sich der Stress bei Mutterkuh und Kalb durch stufenweises Absetzen vermindert. Das Verhalten sei von Tier zu Tier verschieden. Allerdings fiel ihm auf, dass die Tiere ruhiger wirken, wenn die Kühe auf der Weide sind und die Kälber im Stall zurückbleiben, da sie sich in dem Fall nicht hören und deshalb auch weniger brüllen. Auch wenn die Kälber direkt verkauft werden, konnte er beobachten, dass die Kühe weniger nervös sind.

Der Landwirt betonte, sich beim Umgang mit den Tieren grundsätzlich auf sein Gefühl zu verlassen und sich in der jeweiligen Situation individuell zu entscheiden.

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